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Zum Muttertag

Ich bin so froh,
dass du tot bist!

Du hast den Platz in mir frei gemacht für die Idee einer Mutter
und langsam – so über die Jahre
komm ich so weit,
mir Geborgenheit und Liebe überhaupt einmal vorstellen zu können,
deren Entdeckung du mir immer im Weg standst.

Seit du tot bist, kann ich frei durch die Stadt gehen.
Denn manchmal denke ich für einen Moment: "Oh weh, da vorn steht meine Mutter!",
aber dann fällt mir ein: "Nein, das kann gar nicht mehr sein, weil du bist ja tot!"
Diese Fortführung des Schreckensgedankens war für mich zumindest am Anfang,
kurz nach deiner Beerdigung, sehr erleichternd.

Ich brauch mich nicht mehr gering geschätzt zu fühlen:
"Wie schaust du wieder aus, was hast du da an,
was tust du hier und wer sind diese Gammler an deiner Seite?"
Das sind meine Freunde!
Und das hier unter ihnen bin ICH!

Ich weiß noch genau:
Wir standen an der Kreuzung, die Ampel war rot.
Ich fuhr.
Ich fuhr mit deinem Mercedes
Und du saß'st nebendran
Und ich sagte: "Mein ganzes Leben hattest bisher du in der Hand, jetzt ist es umgekehrt.
Wenn ich jetzt Gas gebe
und da vorn gegen die Wand fahre,
dann bist du tot."
Du sagtest nichts.
Du bist nur erschrocken,
und ich weiß nicht einmal, ob du je weiters über diese Situation nachgedacht hast.

meine Mutter, 30.07.1939 bis 19.06.1998

Du hast nie erkannt, wer ich bin!
Ja, du hast nie erkannt, dass ich überhaupt bin!

Ich war für dich wie eine ausgestopfte Puppe
in deiner blitzeblanken Welt aus Anstand, Etikette und Nachbarn,
und an mir war für dich nur interessant,
dass ich ein gutes Bild abgebe und dich ins rechte Licht stelle.
Ich sollte das polierte Krönchen auf deiner
stets frisch vom Frisör gestylten Frisur sein.

Ich glaub, du hast nie kapiert,
dass du einen Menschen in die Welt gesetzt hast.

Nix gegen dich persönlich, ich kann dich sogar verstehen.
Aber wie gesagt:
Ich bin so froh,
dass du tot bist!



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