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11.09.2006, Ankunft Santiago

Heute gefahrene Strecke: 81,73 km

Das pack ich heut noch! Und vielleicht bin ich dann schon morgen auf dem Weg fort von hier?

Früh war es noch kühler: ich schätzte, es hatte keine 20° mehr. Ich fuhr erst um 9 Uhr los, nach mir waren nur noch 2 fette Ami-Weiber, die nicht fertig wurden, weil die eine ihren ganzen Rucksack auspackte bis sie ihre elektrische Zahnbürste fand. Einen Kaffee gabs hier nicht und so fuhr ich dann mal los.

Nach einer Steigung knallte es mir vorn das Schutzblech weg. Die Bremsen griffen fast gar nicht mehr und die Gangschaltung gehörte eingestellt.

In Porto del Rey holte ich mir aus einer Kirche einen Stempel, kam raus: da tröpfelte es. Ich fuhr unter ein großes Zelt, denn hier bauten sie offensichtlich für ein großes Fest, und packte unter dem Zeltdach mein Gepäck in die Plastiktüten, baute das Schutzblech wieder hin, schraubte an der Gangschaltung rum. Das haute nicht hin mit der Gangschaltung, schleifte und blockierte hint und vorn.

die Kirche von Melide

Ich fuhr bis Melide, dort trank ich einen Kaffee und schrieb 2 Postkarten an Robbi und Atli. Es waren bloß noch 58 km nach Santiago: machte ich heut nochmal n ruhigen Tag, übernachtete ich vor Santiago und morgen in der Früh wollte ich nach Santiago fahren, die Rückfahrt checken, nochmal dort übernachten, Fotos machen und dann gings heim. Ich freute mich auf zuhause! Die Spanier nervten mich nur noch und das ständige "Ola" ging mir auf den Keks.

der geschäftstüchtige Pfaff von Boente

Da wollte ich mir unterwegs einen Stempel in einer Kirche holen, aber der Pfarrer stand in der Tür und schüttelte mir die Hand, ließ meine Hand gar nicht mehr los und zog mich regelrecht in die Kirche. Ungefähr 15 andere PilgerInnen waren da schon drin. Ich setzte mich dazu, 2, 3 andere kamen noch. Pfarrer fing an zu erzählen und zwischendrin zu beten. Na, dann murmelte ich halt blöd mit. Ich murmelte im Takt der anderen: "Ich versteh euch ja eh nicht - und ihr versteht nicht, was ich sage - drum sag ich halt jetzt irgendwas – und dann geh ich wieder weg - Amen." Auf jeden Fall fakete ich das ganz gut und fiel überhaupt nicht auf.

die depressive Tussi von Boente, die andauernd greint und nie mehr glücklich werden kann: und sowas verehren die?

Ich fuhr weiter und dann fing es an, richtig zu regnen. Ich zog die Gummihose an und radelte weiter. Versuchte dann noch ein paar Mal, die Gangschaltung einzustellen.

Satan-Ahriman fragte mich dann, wie es mir denn nun gefallen hat.

Ja eigentlich gar nicht. Ich konnte jetzt stolz auf mich sein, ich hatte super Pics gemacht, ich konnte n tollen Bericht schreiben und wahrscheinlich noch den ganzen Winter davon zehren – aber "schön" wars nicht.

Material wird hier nur zum Bau zugelassen, wenn es auch richtig krumm ist

Dieser Weg ist ein Symbol des Lebens, ein Vergleich mit dem Leben, meinte Satan-Ahriman – der Weg ist das Ziel.

Ich dachte immer, die Golanhöhen sind in Israel?

Sah ich nicht so. Das Ziel ist das Ziel, nämlich der Endpunkt. Dann ist es erledigt und fertig, vollendet. Das ist das Ziel: das vollendete Ende, das erreichte Ziel, die erledigte Aufgabe.

Er sah das ganz anders.

in Regenmäntel vermummte Pilger: trostlose Strecke

Ich heulte jedenfalls voll ab. War absolut traurig. Ich fand das alles so sinnlos. Weil es sinnlos war, deswegen wollte ich hier auch nichts, denn was soll ich denn schon wollen. Mir gibt das alles nichts. An der Schönheiten des Weges kann ich mich nicht freuen, wenn das ganze Ding keinen Sinn hat. Ohne Sinn ist das doch alles wurscht.

Santiago schaut auch irgendwie so trostlos aus

Na, jedenfalls sah ich nun Santiago.

Ich traf kurz vorher, noch am Flughafen, eine Gruppe deutscher Radler, die fuhren eiiinen Stiefel zam! Kam ein Flugzeug, glotzte die vor mir, ich fuhr ihr beinahe drauf, schrie die an – und die verstands es auch noch! Also das ist was, was mir den letzten Nerv raubt: wenn irgendwas ohne ersichtlichen und triftigen Grund vor mir herschleicht und das noch so blöd, dass ich nicht vorbei komm. Ich greinte und heulte – die ganze Zeit schon – und dann in Santiago erst richtig. Dieses Sinnlose, Ziellose, es machte mich so derart traurig, ich wollte wirklich am liebsten einfach sterben, auf der Stelle.

Menor Seminar: Das gab mir gar den Rest

Ich ging in Santiago erst mal zur Touristen-Information, holte mir nen Stadtplan, suchte die Albergue im Menor Seminar (wohl das Priester-Seminar, hä?). Das war fürchterlich! Ich checkte ein, duschte mich: Hier sah es echt aus wie in einem Knast - 100 Leute lagen in einem Schlafsaal, eine Art Kantine war im Keller, weiß getünchte Wände, alles kahl - wär aus den Duschhähnen plötzlich Gas geströmt, hätte mich das nicht gewundert. Ich war so derart auf dem Depri-Film gekommen, ich heulte nochmal voll ab in der Dusche.

Dann ging ich in die Stadt, was essen. Ich fand einen Burger King! Da ging ich rein: fast wie zuhause, fehlte nur noch "der Beck" davor ... und, dass ich zuhaus vom Burger King nur noch 10 min heim hab :-(. Nach dem Essen ging ich gleich ins Menor Seminar und schrieb Tagebuch und legte mich ab. Es war schon 22 Uhr.

P.S.: Jede 2. Kirchenglocke in Spanien spielt den Big Ben.

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