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Seite erstellt/geändert am: 29.06.2002

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"Glaube" heißt Nicht-wissen-Wollen, was wahr ist.

(Nietzsche)

Ich verbessere:
"Glaube" heißt nicht wissen, was wahr ist.
"Im Glauben bleiben" heißt freilich nicht wissen wollen...

Glaube und Glaube ist ein Unterschied.

Tatsächlich ist es nicht möglich, die absolute (objektive) Wahrheit (auch nur über einen minimalen Teil des Seins) zu erfahren. Alles Forschen, Erkennen und Denken basiert auf einem Modell, das wir uns davon machen und birgt allein hierin schon die große Fehlerquelle: Entzieht man nämlich dem Modell die Grundlage, auf der es aufgebaut ist, fällt es vollkommen in sich zusammen und nichts daraus ist mehr wahr.

Wir müssen von einem geschätzten Punkt ausgehen, auf dem wir das ganze Schema aufbauen - wobei meistens das Schema den Punkt bestätigt und der Punkt das Schema (Zirkelbezug).
Anders ist uns ein Schema und damit eine Begrifflichkeit der Dinge nicht möglich.

Die eine (vernünftige) Art von Glauben ist die:
Ich setze mal einen solchen Punkt und kann mir vorstellen, d.h. ich glaube, so könnte es sein (oder auch nicht). Ich freue mich über jeden neuen Impuls, jede weitere Erfahrung, der meinen Punkt näher an die Wahrheit rückt und bin auch jederzeit bereit, das bisher Geglaubte zu verwerfen gegen etwas Wahrscheinlicheres.

Ein Atheist bin ich deswegen noch längst nicht, denn:
Ich kann mir eine Menge Dinge vorstellen, die mir auch anhand von logischen Zusammenhängen und Erklärungen ganz plausibel erscheinen und denen ich durchaus eine Existenz zurechne, z.B. ein Leben vor der Geburt und nach dem Tod, eine Unabhängigkeit des Geistes vom (menschlichen) Körper und demnach eine Existenz von Wesen außerhalb des Materiellen. Sollte sich durch eine neu hinzukommende Komponente in meinen Berechnungen und Überlegungen herausstellen, dass es das Ein oder Andere bzw. all das nicht gibt, werde ich es natürlich sofort verwerfen.

Vergiss nie, dass all dein Denken und Weltbild nur ein relatives Modell ist, das stets nur in Relation zu seiner Basis Gültigkeit hat (und gelegentlich leider nicht einmal dazu).

 

Die andere (dumpfbackenmäßige und verwerfliche) Art des Glaubens ist die:
Jemand setzt den Punkt (meistens auch noch: lässt sich den Punkt von anderen setzen) und brennt sich in seine Vorstellung für alle Zeiten ein: "So und nicht anders ist es auf jeden Fall! Sollte ich jemals anders darüber denken, will ich lieber tot umfallen. Jeder, der etwas anderes sagt, ist mein potenzieller Feind und will mich nur von meiner absoluten Wahrheit abbringen."
Der allergrößte Feind ist jedoch die Wahrheit selbst, die will dieser Mensch schon am allerwenigsten wissen.
Das Ganze erklärt er jetzt auch noch zu einer Tugend.

Wer sich eine "Wahrheit" nicht überprüfen traut, der liebt nur die süße Lüge, die er glaubt - auch wenn diese zufällig die Wahrheit ist.



Erstveröffentlichung: 15.04.2002

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