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| Seite erstellt/geändert am: 16.08.2002 | ||||
Wie bist du auf die Idee gekommen, dich zu ritzen?
Ich habe mal einen Bericht (im Stern glaub ich) über
Warum ausgerechnet RITZT du dich und tust nicht irgendwas anderes?
Weil ritzen, bzw. sich schneiden recht kurze, starke Schmerzen, die aber
auch schnell vorbei sind hervorruft. Zu kleine Schuhe anziehen z.B., wäre sehr
sinnlos, weil es mir nicht um die Qual geht, sondern darum, den psychischen
Schmerz für den Moment, in dem ich ihn nicht mehr aushalte, zu betäuben. Wenn es
mir danach wieder besser geht, will ich auch keine Schmerzen mehr.
Wie alt warst du, als du es das erste Mal getan hast?
Ich war und bin 16. Ritze seit ungefähr einem halben Jahr.
Hast du dir schon mal Gedanken gemacht, dass du dich irgendwann für diese Narben schämst...?
Natürlich habe ich auch schon darüber nachgedacht, wie das mit den Narben
aussieht. Und es sieht verdammt Scheiße aus. Gerne zeigen tu ich sie nicht,
aber im Sommer (so bei 35 Grad) laufe ich auch nicht gerne in langärmeligen
Sachen herum. Irgendwo ist das Ritzen aber auch eine Art Hilfeschrei: Die Leute
sollen sehen, dass es einem schlecht geht. Es hat beide Seiten. Auf der einen
Seite will man sich verstecken (was gehen die anderen denn meine Gefühle und
Probleme an?!) und auf der anderen Seite wünscht man sich nichts sehnlicher
als Hilfe und eine Person, die einen versteht.
Gefällt dir der Gedanke daran, dich "schämen zu müssen" - also irgendwie was Minderwertiges zu sein...?
Nein. Und ich fühle mich auch nicht minderwertig.
Ich bin relativ schmerzempfindlich und werde sehr schnell aggressiv, wenn mir etwas weh tut. Wirst du auch aggressiv?
Ich werde durch das Ritzen nicht aggressiv. Ich ritze dann, wenn ich
aggressiv bin, um meine Aggressionen so abzubauen. Schmerzen haben auf mich eine
extrem beruhigende Wirkung. Und die Zerstörung des eigenen Körpers kann auch
sehr aggressionsbefreiend sein.
Beschreib doch bitte mal den ganzen
Vorgang, was da so ab geht - also zuerst mal, was du seelisch fühlst...
Ich ritze dann, wenn ich sehr traurig bin, mich allein gelassen fühle,
aggressiv bin oder mit meinen eigenen Gedanken nicht mehr zurecht komme (mich
selbst nicht mehr verstehe, die Situation nicht verstehe, eine Art gedankliche
Verwirrung). Ich kann diese Gefühle dann nicht mehr ertragen, es schmerzt zu
sehr... brauche etwas, was diesen psychischen Schmerz betäubt. Und da sind
körperliche Schmerzen eben ein gutes Mittel. Akute körperliche Schmerzen (wie
Schnitte in die Haut) sind recht stark, man spürt in dem Moment des Ritzens nur
noch diesen körperlichen Schmerz und der wirkt sehr befreiend.
was dir dann den Auslösepunkt gibt, dass du es tust
Der Auslöser sind bei mir meistens Streitereien mit den Eltern, oder das
Gefühl, dass keiner da ist, der mich versteht. Einsamkeit.
WIE du es tust: mit einer Rasierklinge, einem Messer...?
Meistens mit einer spitzen Nagelschere, Cuttermesser oder Rasierklingen sind
aber auch recht funktionell.
Wie machst du es?
Wenn ich sehr aggressiv bin, ritze ich einfach ein paar oberflächliche
Schnitte in meinen Arm, sieht zwar heftiger aus (weil es eben recht viele
Schnitte sind) ist aber nicht so schlimm. Wenn ich depressiv bin, genieße ich es
richtig... ziehe langsam die Klinge über meine Haut, nochmal, tiefer... so lange,
bis mir dann das Blut über den Arm läuft... ist ein echt geiles Gefühl - wenn
man das eigene Blut über den Arm laufen sieht, sieht und spürt man, dass man
noch lebt... manchmal für mich der einzige Weg, mein Leben noch zu merken.
Diese Schnitte sind dann die schlimmeren, weil sie eben tiefer sind (zum Teil
müssten solche Schnitte genäht werden, aber wer geht in so ner Situation schon
zum Arzt?!)
Warum hörst du nicht auf, wenn es weh tut...?
Weil es ein total geiles Gefühl ist, seinen Körper (durch die Schmerzen) zu
spüren.
Warum hörst du letztendlich dann DOCH irgendwann wieder auf?
Ich höre dann auf, wenn ich innerlich ruhiger geworden bin. Wenn ich mich
quasi abreagiert habe oder wenn es einfach nicht mehr nötig ist. Ich habe
erreicht, was ich wollte, warum also mit dem Scheiß noch weiter machen?!
Danach: Fühlst du dich besser oder erst recht beschissen?
Im ersten Moment danach fühle ich mich viel besser; ich bin innerlich
wieder ruhig geworden und spüre die psychischen Schmerzen nicht mehr. Danach (also
am nächsten Tag oder nach ein paar Stunden) gehts mir Scheiße, weil ich dann
die Wunden sehe und die sehen nicht wirklich ästhetisch aus. Außerdem kommen
dann leichte Schuldgefühle auf und so weiter halt. Aber für den Moment hat
es sehr geholfen.
Noch mehr danach: Hast du Angst, dass es jemand merkt? Wie machst du das gegenüber deinen Eltern, Lehrern, Chef, Mann/Frau, sonstige Verwandte?
Meine Eltern und Freunde wissen mittlerweile davon (ist ja auch sehr
seltsam bei Hochsommertemperaturen im Pulli herumzulaufen). Vor meiner Mutter
konnte ich es nicht verstecken, sie hat es zufällig mitbekommen und mein Vater hat
es dann von ihr erfahren. Anfangs hab ich es sehr verheimlicht. Mittlerweile
ist es mir aber ziemlich egal geworden, ob die anderen es wissen oder nicht.
Wer mich mag, mag mich trotzdem. Inzwischen ist das Ritzen, die Narben zu
einem Teil von mir geworden, den ich nicht mein ganzes Leben lang krampfhaft
verstecken will.
Wie reagierst du, wenn es einer merkt und entsetzt ist?
Ich bin meistens recht einsilbig ("ich brauche das nunmal" "ja, sieht
schlimm aus, weiß ich").
Bringst du das Ganze mit "Religion" in Verbindung?
Absolut nicht. Der Grund liegt allein in meiner psychischen Verfassung und
hat mit meinen Einstellungen, Glauben, etc. nichts zu tun.
Bringst du das Ganze mit der Szene in Verbindung?
Ich glaube, dass der größte Teil der SVVler aus der Gothicszene stammt,
denn die Menschen, die sich ritzen oder sonstwie verletzen haben meistens
Depressionen, Probleme mit der Gesellschaft, und solche Dinge. In der Gothicszene
geht es vielen Menschen ähnlich und man findet dort Verständnis und Rückhalt,
was man in der "normalen" Gesellschaft vergeblich sucht.
Bist du vielleicht Goth und meinst, als Goth sei das irgendwie besonders szenig, trendig ...
Ich fühle mich der Gothicszene zugehörig, aber das Ritzen gehört für mich
nicht zur Szene. Auf keinen Fall ist das Ritzen szenig, trendig (argh *g*)
oder sonstwas in der Richtung. Ich würde mich nicht "ungruftiger" fühlen, wenn
ich nicht das Bedürfnis hätte, mich selbst zu verletzen.
Bist du eigentlich in einer Therapie, bzw. hast du zu dem Thema schon mal einen Psychologen aufgesucht...?
Habe ich noch nie gemacht.
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