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Seite erstellt/geändert am: 14.09.2002
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1. Wie bist du auf die Idee gekommen, dich zu ritzen? Ich meine, so etwas fällt einem ja nicht "von selber" ein (oder?):
hmm ich muss sagen, bei mir war es sowohl zeitschrift als auch freunde. ich denke das erste mal bewusst hab ich einen artikel darüber in der bravo (lang, lang ists her) gelesen. damals dachte ich noch recht geringschätzig darüber. nach dem motto: wie blöd muss ein mensch sein der sich selbst so etwas antut. nun ich war zu der zeit neun, falls mich meine erinnerung nicht trügt, also noch reichlich naiv. mit elf fingen dann bei mir die depressionen an, ob vererbungsbedingt oder einfach nur auf grund der pubertären hormonumstellung, kann ich gar nicht so recht sagen. jedenfalls hatte ich ... hmm - was heisst hier hatte, ich hab diese phasen ja immer noch... also jedenfalls dauer(t)en diese phasen unterschiedlich lange. dh das eine mal sind es nur drei tage, dann war der spuk vorbei, ein andermal geht es über drei wochen oder sogar länger. jedenfalls ist in diesen zeiträumen nicht allzu viel mit mir anzufangen, ich fühle mich kraftlos (sowohl seelisch als auch körperlich), alles scheint schief zu gehen, nichts kann ich richtig machen (und damit meine ich: ich werde meinen eigenen ansprüchen nicht gerecht) und zusätzlich bin ich ziemlich nahe am wasser gebaut, fang also bei jeder kleinigkeit das heulen an. zu der zeit als das alles anfing wohnte ich natürlich noch bei meinen eltern (war ja erst 11 ;c). mein vater reagiert allerdings ziemlich allergisch auf gefühlsausbrüche jeglicher art. dh er wird reichlich wütend und so versuchte ich meine gefühle möglichst nicht zu offenbaren. naja so mit dreizehn lernte ich über meinen bruder meine damalige beste freundin kennen. sie war ritzerin. ich hab mich mit ihr darüber unterhalten und sie erzählte mir das es ihr als ventil dienen würde, wenn sich bei ihr gefühle anstauten. also probierte ich es einfach auch mal aus, ob es mir ebenfalls helfen könne ...

2. Warum ausgerechnet RITZT du dich - und tust nicht irgendwas anderes, z.B. dich schlagen, dich sonst wie quälen z.B. indem du extra zu kleine Schuhe anziehst, um den Schmerz beim Laufen den ganzen Tag zu fühlen, oder dergleichen. Warum ausgerechnet ritzen?
hmm ich muss sagen, das ich das ritzen nicht als quälend empfinde. in dem moment wo ich zur rasierklinge griff, fand ich den seelischen schmerz durch die depression wesentlich schlimmer und wollte eigentlich nur etwas womit ich es betäuben konnte. ein anderer grund war der: es ging mir ja körperlich nicht schlecht und mein verstand sagte mir: alles in ordnung - alles in butter. aber meine seele schmerzte (tut mir leid - mir fehlen einfach die worte dieses gefühl angemessen zu beschreiben) und so fügte ich mir körperliche wunden zu, um mir damit mehr oder weniger selbst zu beweisen das es mir tatsächlich schlecht geht. drittens habe ich es auch damit versucht mir den kopf an die wand zu schlagen, aber das machte zuviel krach und zog zuviel aufmerksamkeit und nervige fragen nach sich. wohingegen das ritzen recht unauffällig praktizierbar ist. viertens und letztens mochte ich einfach das gefühl des blutes, das mir den arm herunterlief... ich denke keiner dieser gründe kann für sich bestehen, aber das gemisch aus diesen gründen liess mich dann doch immer wieder zur rasierklinge greifen.

3. Wie alt warst du, als du es das erste Mal getan hast? Wie lang machst du es schon bzw. wie alt bist du jetzt?
hmm also wie oben erwähnt war ich circa dreizehn als ich damit anfing. in gut einer woche werde ich einundzwanzig, allerdings bin ich seit etwa einem jahr auf "entzug". ich habe meine rasierklingen versteckt. hatte in der zwischenzeit zwar oft genug das bedürfniss danach zu greifen - habe aber bis jetzt erfolgreich durchgehalten...

4. Wie sieht das aus mit den Narben? ...
die narben.... nun ja, man sieht sie halt. ich trage natürlich auch kurz-arm shirts bei denen man sie dann sieht. aber ich geb nicht an damit, nach dem motto : "seht mal was ich mir selbst antue, seid ihr jetzt alle schockiert?!?!" oder "helft mir doch, seht ihr die narben denn nicht!?!?!" natürlich hab ich mir schon mal gedanken darüber gemacht, ob ich die narben einmal nicht mehr haben möchte bzw wie mein arm wohl aussehen würde wenn er noch "jungfräulich" wäre. aber das sind nur gedanken und illusionen. fakt ist, ich habe es getan (und in dem moment wo ich es tue, denk ich absolut nicht daran wie das wohl später mal aussieht!!!!) und das kann ich nicht mehr ändern. die narben sind nun mal da. ich sehe auch nicht ein, weshalb ich mich schämen sollte, oder mich als etwas minderwertiges ansehen sollte. die narben gehören zu mir und sind ein teil von mir, teil von meiner entwicklung zu dem menschen der ich jetzt bin und sie werden mich mein ganzes leben begleiten, aber schämen muss ich mich nicht für sie! und peinlich sind sie mir erst recht nicht! wenn mich jemand darauf anspricht mit dem ich nicht darüber reden möchte, weil es zu persönlich ist, dann setze ich meine unschuldsmiene auf und frage "welche narben?" bzw "mein arm? was ist damit?" bis jetzt ist mir noch niemand begegnet der daraufhin noch nachgebohrt hätte. auch bei einstellungsgesprächen (waren jeweils zugegeben nur für nebenjobs also nicht soo wichtig) hat mich noch niemand nach den narben gefragt.

...Kann es sein, dass du durch den Schmerz, den du dir selbst beibringst, deine Aggressionen als Kräfte wecken möchtest, um dich gegen andere wehren zu können oder irgend so etwas?
nein, aggressionen wecke ich damit bestimmt nicht. ich bin (seltsamerweise situations bedingt) auch sehr schmerzempfindlich. aber ich muss gestehen, das schneiden an sich empfinde ich gar nicht als schmerzhaft und ich habe wirklich tief geschnitten. am meisten hat es eigentlich erst im heilungsprozess wehgetan oder wenn jemand der es nicht wusste, weil sie durch pullover nicht sichtbar war, auf die noch offene wunde gefasst hat. ausserdem bringe ich mir den schmerz nicht wirklich selber bei, denn ich habe bereits den schmerz (seelisch) und suche lediglich ein ventil dafür.

6. Wie ist das? Ich meine, ich selber habe das noch nie gemacht und kann mir das auch überhaupt nicht vorstellen.
tja.. also erst einmal liegt der auslöser in meiner stimmung, in meinen gefühlen. alle gefühle die du aufgezählt hast (Frust, Traurigkeit, Wut, Einsamkeit, Leere) haben alle mindestens einmal zu einer "ritz-session" bei mir geführt. meist wenn die gefühle so stark wurden, das ich nicht wusste wie ich sie bewältigen sollte. allerdings war es meist nicht nur ein gefühl sondern eben ein misch-masch aus mehreren, wenn nicht sogar allen. in dem moment kann ich auch selbst nicht einmal mehr klar den grund benennen, weshalb mir die seele so schmerzt. was wohl der grund ist warum direkte problem lösung nicht in frage kommt. denn wie sollte ich eine einsamkeit bekämpfen, die am stärksten ist wenn viele menschen um mich herum sind, einfach weil ich mich mit niemandem wirklich verbunden fühle? wie soll ich ein gefühl der inneren leere bekämpfen? wenn nicht einmal mein hund (der mein ein & alles ist) mich noch aufzuheitern vermag, sondern eher heulkrämpf auslöst, weil ich das gefühl habe ich bin nicht gut genug als herrchen für ihn bzw ich würde das vertrauen das er in mich als sein herrchen setzt enttäuschen. wie soll ich den frust bekämpfen, der sich einstellt wenn ich merke das ich nicht glücklich bin, obwohl mein leben genau so ist wie ich es mir vorstelle und ich theoretisch zufrieden sein sollte? wie soll ich die wut und die ohnmachtsgefühle bekämpfen, wenn ich weiss, egal was ich tue nichts wird sich ändern, die welt dreht sich einfach weiter - das macht mich wahnsinnig aggressiv und zugleich habe ich nichts gegen das ich diese aggression lenken kann, ausser mir selbst... je nachdem welches dieser gefühle der tatsächliche auslöser ist, weil es einfach überhand nimmt, entsprechend unterschiedlich ist die art meiner ritzerei. wenn die aggressive tendenz überwiegt, dann schneide ich einmal schnell und tief - meist ist danach das bedürfnis vorbei. wenn es eher aus einer depressiven stimmung heraus geschieht (bei weitem der häufigste auslöser, wenn ich so darüber nachdenke) dann waren es meist mehrere langsame tiefe schnitte. einige male habe ich auch einen schnitt zweimal ausgeführt, weil meiner meinung nach das blut nicht genug floss und ich den schnitt vertieft habe um den von mir gewünschten effekt zu erzielen. etliche male hab ich so tief geschnitten das es theoretisch hätte genäht werden müssen, aber ich bin damit nie zum arzt gegangen. wozu auch, die wunden sind auch so geheilt. wenn das blut dann meinen arm hinunterfloss und ich ihm zusehen konnte, wie es sich seinen weg bahnte, fühlte ich mich erleichtert. meist schlief ich danach müde ein, als ob meine seele gearbeitet hätte und nun sich von der anstrengung erhölen müsste, und fühlte mich immer befriedigt bzw befreit...

7. Danach: Fühlst du dich besser oder erst recht beschissen?
also direkt danach habe ich mich (s.o.) immer besser gefühlt. wie lange dieses befreite gefühl anhielt, war dann wiederum von meiner stimmung abhängig.

8. Noch mehr danach: Hast du Angst, dass es jemand merkt? Wie machst du das gegenüber deinen Eltern, ...
angst das es jemand merkt - anfangs hatte ich die schon. meine mutter hat es als erste mitgekriegt. ich habe ein sehr gutes verhältnis zu meiner mutter und jedenmal den schmerz in ihren augen zu sehen wenn sie eine neue wunde bemerkte, tat mir schon weh, hat mich allerdings nie abgehalten. mein vater denkt eh das ich ne schraube locker hab und das war für ihn nur noch ein beweis dafür. er hatte mir angedroht mich in die klapsmühle zu stecken. das hat mich allerdings nicht davon abgehalten mich weiterhin zu ritzen, ich habe es nur möglichst versteckt getan bzw im laufe der zeit als er aus seiner drohung nie ernst wurde, war es mir dann egal ob er es sah oder nicht. in dem moment wo ich mich schnitt, dachte ich eh nicht daran, ich wollte nur dieses befreite gefühl haben. und als es vorbei war, dachte ich mir: nun gut - es ist geschehen. du kannst es nicht rückgängig machen, du kannst nur noch damit leben. und es wurde mir tatsächlich egal. wenn jemand entsetzt reagierte, dachte ich mir nichts dabei, schliesslich ist es mein körper und meine sache was ich damit mache. einen aussenstehenden geht es nichts an (dessen entsetzen interessiert mich auch nicht) und jemand der mir nahesteht akzeptiert mich so wie ich bin - mit narben oder ohne! ich verheimliche sie nicht, zeige sie aber auch nicht her - ich lebe einfach damit, als wäre an meinem arm nichts besonderes.

9. Bringst du das Ganze mit "Religion" in Verbindung? Das heißt, bringst du hier in gewisser Weise irgendwie ein "Blutopfer" dar, oder meinst du, weil du gewisse religiöse Tendenzen verfolgst (insbesondere Satanismus), sei das erwünscht/gut/richtig/förderlich für deinen "religiösen Weg", dich zu ritzen?
also ich habe es in keinster weise jemals mit religion in verbindung gebracht. zu dem zeitpunkt als ich damit anfing, hörte ich zwar bereits black/death metal (halt das was ich von meinem bruder klauen konnte ;c) die ritzerei entwickelte sich auch über die freundin meines bruders, die mich ebenfalls auf meinem weg in die metal gefilde begleitet hat bzw meine führerin war was neue bands anging etc. allerdings habe ich, für mich persönlich, die ritzerei weder mit der musik noch mit meiner lebenseinstellung in verbindung gebracht, sondern sie wie erwähnt, lediglich als ventil für meine gefühle benutzt. ich habe letztes jahr, während meines ersten jahres an der uni ein mädchen kennengelernt, die sich ebenfalls selbst verletzt. sie ist ein ganz normales mädel (hört techno etc) und hat weder mit satanismus noch mit der gothik oder metal szene irgendwas am hut.

10. Bist du eigentlich in einer Therapie, bzw. hast du zu dem Thema schon mal einen Psychologen aufgesucht oder bist du in Behandlung (gewesen)? Hat dir das was gebracht?
nein - ich habe noch nie einen therapeuten aufgesucht, da ich nicht glaube das diese einem helfen können. ich bin der meinung das man sich nur selbst helfen kann, vor allem im seelischen bereich. da gilt bei mir das motto: hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner! denn einerseits bin ich so oder so ziemlich schüchtern (ja ja glaubt mir wie immer niemand :cP und hab da so meine probleme mein innerstes nach aussen zu kehren vor einem wildfremden menschen. ausserdem ist meine mutter seit einigen jahren in psychologischer betreuung auf grund ihrer depressionen, ebenso ihre schwester (hmm hab ich meine veranlagung wohl doch aus der ecke der familie.....) allerdings konnte ich noch in keinster weise feststellen das es ihnen in irgendeiner form besser geht. daher seh ich das ganze als reine zeitverschwendung an.....

hmm... also ich hoffe das ganze ist mehr oder weniger nachvollziehbar. ich habe einfach drauflos geschrieben, in der hoffnung das was sinnvolles dabei rauskommt.

Die Mailadresse der Autorin ist mir bekannt. Wer ihr etwas schreiben möchte, kann mir eine Mail schicken, ich leite diese dann (ungelesen) an sie weiter. Bitte gib im Betreff "121rit10" an.

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Erstveröffentlichung: 16.08.2002

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